Jahresbrief 2022


Jahresbrief des Instituts für Ökologischen Landbau 2022
Liebe Freundinnen und Freunde des Instituts für Ökologischen Landbau,
liebe Baumpatinnen und Baumpaten,


wie jedes Jahr möchte ich euch mitteilen, was im Jahr so los war in Trenthorst. Mit der neuen Bundesregierung und einem grünen Minister im BMEL haben wir gleich am Jahresanfang die Chance ergriffen, mit dem Thünen-Präsidenten ein mutiges Erweiterungskonzept für das Institut zu verfassen. Dieses Konzept wurde dem BMEL überreicht. Was daraus wird ist natürlich völlig offen und die Entscheidungen liegen in Berlin. Sechs neue Planstellen haben wir 2022 aber bereits bekommen: drei höhere für die Wissenschaft und drei im gehobenen und mittleren Dienst. Das hilft uns schon sehr, auch wenn wir damit nach Planstellenwissenschaftsstellen immer noch das kleinste Thünen-Institut sind. Aber wir wollen mal nicht jammern und froh sein, das es nach vorne geht und unser Bedarf erkannt worden ist.


Nach dem Ende der harten Beschränkungen wegen Corona haben wir ab Frühjahr wieder angefangen, Veranstaltungen und Treffen in Präsenz durchzuführen. Der Förderverein hat seine Veranstaltungen wieder angefangen, und die waren hochkarätig besetzt (u.a. Institutsleiter Rahmann, Nieberg, Degen, Präsident Isermeyer) und gut besucht, was nicht selbstverständlich war nach der langen Pause. Auch wurde ein World Cafe eröffnet, wo sich alle Institutsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter treffen können, um über ihre Arbeit zu reden und sich zu begegnen. Das World Cafe wird vom Förderverein betreut, insbesondere durch die beiden FÖJler*innen. Praktikatinnen und Praktikanten konnten wieder kommen und das Gästehaus und die Küche wurde wieder hochgefahren.


Im Sommer gab es eine neue Dienstvereinbarung Arbeitszeit und Arbeitsort für das Thünen-Institut. Wir sind darüber froh und auch attraktiv für neue Kolleginnen und Kollegen, die nun – wenn sinnvoll – auch bis zu 50% ihrer Arbeitszeit zu Hause erbringen können. Die technische Ausstattung und die Qualifikationen dafür haben wir dafür in den beiden Corona-Jahren geschaffen. Das hat uns erheblich nach vorne gebracht. Viele Reisen und Fahrtzeiten zur Arbeit können erspart beiben und die Arbeit findet online statt. Das gilt natürlich nicht für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihre Arbeit nur am Standort erledigen können. Da es ein schöner Arbeitsort und -inhalt ist, hat es hier aber keinen Mißmut gegeben. Aber es ist klar, dass hier auch Gerechtigkeit kommen muss, wegen Zeit und Geld für die Dienstanfahrt. Das liegt aber nicht in der Kompetenz des Instituts.
Das landwirtschaftliche Jahr war gut, entgegen den Ergebnissen in anderen Regionen Deutschlands, die erheblich unter einer weiteren Dürre gelitten haben. Wir hatten ausreichend Regen für durchschnittliche Erträge und Futter. Leider kommen wir immer noch nicht voran mit den Baumaßnahmen. Viele Gebäude sind immer baufälliger und sogar gesperrt, aber renoviert, repariert und neu gebaut wird praktisch nicht. Zwar teilen wir das sowohl der Zentralverwaltung und dem BMEL mit, und alle wollen auch das es schneller get, aber es passiert nicht. Die Planungen kommen nicht voran. Die Tierhaltung (insbesondere die Schweine) muss deswegen für die nächsten Jahre sogar stark reduziert werden, weil die Stallungen nicht mehr geeignet sind. Das ist frustrierend und für die Arbeit suboptimal. Wir hoffen, dass hier in den nächsten Jahren die Geschwindigkeit der Umsetzung zunimmt.


Konzeptionell haben wir angefangen, das Institut auf einen Experimentelles institutsübergreifendes Landschaftslabor Trenthorst (EILT) umzubauen. Ab Frühjahr 2024 wird die gesamte Liegenschaft in der Größe von 600 ha wieder vom Institut bewirtschaftet (statt 440 ha).


Wissenschaftliche Kurzbilanz des Instituts für Ökologischen Landbau 2022


Das Institut entwickelt interdisziplinär umweltfreundliche, tiergerechte und effiziente Agrarsysteme unter den gesetzlichen Zielen der EU-Öko-Verordnung 848/2018 mit dem Schwerpunkt Ökologische Tierhaltung in einem systemorientierten Ansatz auf einer Versuchsstation und auf Praxisbetrieben in Deutschland.


Systementwicklung Ökologische Tierhaltung


Rinderhaltung


Im Frühjahr wurde die Datenerhebung zur Bewertung der Rhythmizität der Aktivität als Tierwohlindikator in der Milchviehhaltung abgeschlossen. Die Auswirkungen eines verlängerten Kuh-Kalb-Kontakts auf die Aktivität des Muttertieres sind nun Ziel der Datenanalyse.
Mit dem Projekt MinimA wurde das in den Versuchsherden des Thünen- und des Max-Rubner-Instituts erfolgreiche Verfahren zur nachhaltigen Minimierung des Antibiotikaeinsatzes durch viertelselektive Trockenstellbehandlung auf 16 Praxisbetriebe übertragen und auf seine Praxistauglichkeit getestet. Erste Ergebnisse weisen auf ein hohes Antibiotikaeinsparpotenzial in den Praxisherden hin.


Im Projekt Nationales Tierwohl-Monitoring (NaTiMon), das die Grundlagen für eine regelmäßigen Berichterstattung zu Status quo und Entwicklung des Tierwohls in der Nutztierhaltung in Deutschland bereitet, wurden die zuvor ausgewählten Tierwohlindikatoren im Rahmen von Betriebsbesuchen auf ihre Eignung für eine nationale Erhebung getestet. Um Betriebe dabei zu unterstützen, das Tierwohl ihrer Milchkühe objektiv zu erheben, wurde zur erarbeiteten Tierwohl-Check-App, die im gleichnamigen Projekt entwickelt wurde, eine passgenaue Online-Lernplattform fertiggestellt, mit der Anwender*innen die Datenerhebung der Tierwohlindikatoren erlernen können und die umfangreiche Hintergrundinformationen enthält.


Die Themen Tierschutz und Tierwohl sind bislang nur wenig in der landwirtschaftlichen Berufsausbildung verankert. Im Projekt Tierschutzkompetenz – tierwohlorientierte Handlungskompetenz in der beruflichen Ausbildung werden daher neue und innovative Lehr-Lernkonzepte entwickelt, die eine umfassende Handlungskompetenz fördern. Der Schwerpunkt liegt auf den Tierarten Rind und Schwein.


Schweine- und Geflügelhaltung


Das Jahr 2022 stand im Bereich der Schweineforschung ganz im Zeichen Grundfutter für Mastschweine als regionale Eiweißkomponente. Im Drittmittel-Projekt WickGanz stand die Wicke als Ganzpflanze im Fokus, in einem Eigenmittelprojekt früh geerntetes Kleegras. Beide Projekte verlaufen weiterhin vielversprechend.


In der Hühnerforschung wurde 2022 weiterhin das Horizon 2020-Projekt PPILOW vorangetrieben. Ein auf dem Versuchsbetrieb des Instituts durchgeführter Herkunftsvergleich von Zweinutzungshühnern wurde im März erfolgreich abgeschlossen, und der darauf aufbauende on-Farm Versuch läuft. Neben Treffen der projektbegleitenden Nationalen Praktikergruppe war im September endlich wieder ein Treffen mit Projektpartnern in Präsenz möglich.
Das erst 2021 gestartete Projekt Bruderweide bearbeitet die Frage der Mehrfachnutzung von Kurzumtriebsplantagen als Weideflächen für Hühner, und der erste Versuchsdurchgang konnte im Oktober 2022 abgeschlossen werden.


Im Projekt KRIBL (Kleine Roboter für den Intelligenten Biologischen Landbau) wurde mit der Universität Lübeck begonnen, mittels Bilderfassung Greifvögel zu erkennen. Die Daten sollen genutzt werden, um Vergrämungstechniken für Hühnerausläufe zu entwickeln.


Schaf- und Ziegenhaltung

Im WeideInnovationsNetzwerk Schaf/Ziege (WINSchaZie) als Verbundprojekt wurden mit 25 Schaf- und Ziegenbetrieben praktische Fragen zu Weidesystemen, Ackerbeweidung (Schafe) und Gehölzfutter bearbeitet. Auf den Betrieben wurden vergleichende Erhebungen zum Tierwohl und zum Weideparasitenstatus durchgeführt. Durch die extreme Trockenheit in 2022, zeigen sich erste Klimawirkungen für weidehaltende Betriebe sowohl in der Parasitenbelastung als auch beim Hitzestress als Tierwohlindikator.


Systementwicklung Ökologischer Pflanzenbau


Im Verbundvorhaben UNSIFRAN wurden Zweikulturnutzungssysteme (ZKNS) aus beernteten oder als Gründüngung genutzten Winterzwischenfrüchten (WZF) und der Zweitkultur Mais geprüft. Die an drei Standorten über drei Jahre durchgeführten Versuche zeigen, dass der Maisertrag in den ZKNS niedriger war als in den Maiskontrollen. Folgt nach der Beerntung der WZF zur Maisaussaat eine reduzierte Bodenbearbeitung (rBb) wurden am Standort Trenthorst gute Maiserträge erzielt, wobei gleichzeitig auch ein verbesserter Bodenschutz erreicht wurde. ZKNS mit Mais in Direktsaat nach Beerntung oder Walzen der WZF sind insbesondere bei kühlen und nassen Frühjahrsbedingungen weniger geeignet.


In einem Versuch im Projekt WickGanz wird der Mais daher in den beiden Erfolg versprechenden Varianten ‚Ernte der WZF mit nachfolgender rBb‘ und ‚Mulchen mit flacher Einarbeitung‘ geprüft. In einem weiteren Versuch im Projekt wurden Wicken in Reinsaat erfolgreich im zweiten Anbaujahr an vier Schnittterminen beerntet und aus der Wicke Silagen im Labormaßstab sowie zur Fütterung an Mastschweine erzeugt. Analysen zu wertgebenden und antinutritiven Eigenschaften des Pflanzenmaterials und der Silagen werden derzeit weiterhin durchgeführt.


Im Interreg Projekt Carbon Farming wurden die im Projekt begleiteten Show Cases – Aktivitäten von Landwirten zur Kohlenstoffanreicherung in Böden und Partnerschaften zur Finanzierung ­in einem Abschlussbericht zusammengestellt. Parallel zu anderen Europäischen Initiativen, untersetzte das Projekt die derzeit diskutierten Politikoptionen für Carbon Farming mit Praxisbeispielen. Das Potential der C-Bindung in Böden für den Klimaschutz ist jedoch unsicher. Es existieren allerdings positive Nebenwirkungen einer permanent verbesserten Bodenbewirtschaftung (z. B. für die Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit).


Multifunktionalität des Ökologischen Landbaus


2022 wurden kalkulatorische Daten für das Projekt LandLessFood-green in Uganda im Feld überprüft und bestätigt. Mit mehreren anderen Thünen-Instituten wurde ein BMEL-Projektantrag für das Beispielland Uganda und dem Titel NovelFoodFeed4Uganda gestellt.


Das Arbeitsgebiet Betriebswirtschaft im Ökolandbau hat verschiedene betriebswirtschaftliche Kalkulationen von praxisfähigen Innovationen (muttergebundene Kälberaufzucht, Raufutterfütterung in der Schweinehaltung, Gemengeanbau) durchgeführt und veröffentlicht.
Erste Vorbereitungen für den Aufbau einer technischen Infrastruktur für die on-farm Forschung wurden getroffen, die es ermöglicht Betriebssysteme im Ökologischen Landbau und deren Entwicklung zu monitoren. Zudem konnten zwei wissenschaftliche Planstellen zu den Themen Tiergesundheit bzw. Tierernährung im Ökolandbau besetzt werden; diese Arbeitsbereiche befinden sich ebenfalls im Aufbau.


Das Institut ist federführend in der Erarbeitung der wissenschaftlichen Grundlagen für ein Strategiekonzept 30% Ökolandbau bis 2030 für das Bundeskabinett.


Es wurden insgesamt 11 wissenschaftliche Publikationen und 55 Fachartikel veröffentlicht. Die Drittmittelausgaben und -einwerbungen waren - wie 2021 - auf einem hohen Niveau im Vergleich mit den anderen Thünen-Instituten. Nach zwei Jahren starke Beschränkungen für Veranstaltungen wegen der Corona-Pandemie ist 2022 diese Tätigkeit wieder angelaufen, wenn auch noch nicht wieder auf dem Level vor 2020.


Gerold Rahmann
Institutsleiter
1.12.2022

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